Tobias Kratzer revolutioniert die Hamburger Staatsoper mit punkiger Provokation
Adeline SchmiedeckeTobias Kratzer revolutioniert die Hamburger Staatsoper mit punkiger Provokation
Die Hamburger Staatsoper startet unter Tobias Kratzer in eine kühne neue Ära
Mit seinem jüngsten Werk Das Paradies und die Peri inszeniert der neu berufene Intendant der Hamburger Staatsoper, Tobias Kratzer, ein 19. Jahrhundert-Oratorium als provokantes, punkinspiriertes Spektakel – und setzt damit ein kämpferisches Zeichen für seine Amtszeit. Die Premiere am Wochenende löste sowohl begeisterten Applaus als auch Buhrufe aus.
Das Oratorium, basierend auf Thomas Moores orientalischer Erzählung aus Lalla Rookh, erzählt von Peri, einem engelhaften Wesen auf der Suche nach einem Geschenk, das ihr den Eintritt ins Paradies ermöglicht. Kratzers Inszenierung jedoch bricht radikal mit der Tradition: Die vierte Wand wird durchbrochen, das Publikum in eine Welt aus Krieg, Seuchen und generationenübergreifenden Konflikten gezogen.
Doch Kratzers Vision für das Opernhaus geht über diese eine Produktion hinaus. Seit seinem Amtsantritt 2023 treibt er den Wandel der Institution voran, um sie der Hamburger Gesellschaft zugänglicher zu machen. Sein Ansatz verbindet radikale Politik mit theatralischer Provokation – ein Stil, den er über Jahre verfeinert hat und nun mit größerer institutioneller Macht einsetzt als bei seinem experimentellen Bayreuth-Debüt 2011, als seine Inszenierung desselben Werks erstmals sein disruptives Potenzial andeutete.
Die Premiere selbst wurde zur Aussage. Unter der musikalischen Leitung von Omer Meir Wellber, dem neuen Generalmusikdirektor der Oper, interpretierte die Philharmoniker Hamburg den Partitur neu – eingebettet in moderne Spannungen. Kratzer und Bühnenbildner Rainer Sellmaier ersetzten die romantisierte Vergangenheit des Oratoriums durch drängende zeitgenössische Themen: Massen von Figuren der Gegenwart ringen mit Spaltung und Krise. Teilweise wandten sich die Darsteller direkt an das Publikum und lösten so die Grenze zwischen Bühne und Realität auf.
Die Reaktionen fielen extrem gespalten aus. Während einige Zuschauer buhten, jubelten andere – ein Spiegel für die polarisierende Wirkung von Kratzers Arbeit. Doch die Energie war unübersehbar und markierte, was viele als einen vielversprechenden, wenn auch konfrontativen Beginn wahrnahmen. Das Eröffnungswochenende präsentierte zudem eine Reihe neuer Musiktheaterabende, darunter kommende Produktionen wie Monster's Paradise und eine neu interpretierte Frauenliebe und -leben, allesamt unter Kratzers künstlerischer Leitung.
Mit Das Paradies und die Peri hat Kratzer seinen Ruf als provokanter Innovator gefestigt. Seine Amtszeit an der Hamburger Staatsoper geht nun mit einer klaren Mission weiter: das Publikum herauszufordern und die Institution tiefer im kulturellen Leben der Stadt zu verankern. Die kommenden Produktionen der Spielzeit werden zeigen, ob diese Mischung aus Provokation und Partizipation zum neuen Standard der Oper wird.






